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|Lesbares: Bestandsaufnahme zu Themen des regionalen Cottbuser Klimas| …aktueller Artikel aus der Lausitzer Rundschau.

Wie wirkt sich die Klimaerwärmung auf Südbrandenburg & auf Cottbus aus. Welche Erkentnisse gibt es über die zukünftige Verteilung von Niederschlägen und Trockenzeiten. Welche Aussagen können lokale Klima- und Wettermodelle schon jetzt treffen. Welche Rolle spielt die Braunkohle auf die CO2 Entwicklung? Ein aktueller Blick auf das Cottbuser Klima im Interview Dr. Klaus Keuler (stellvertretender Leiter am Lehrstuhl für Umweltmeteorologie der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg).

Zu erreichen ist der Artikel unter lr-online.de/lausitz/cottbus/Wie wird das Klima in 80 Jahren?

Die Lausitz braucht ein Wassermanagement

Dr. Klaus Keuler an der Wetterstation des Lehrstuhls für Umweltmeteorologie, der in den Gebäuden des ehemaligen Militärhospitals auf den früheren Cottbuser Flugplatzgelände untergebracht ist.

Dr. Klaus Keuler an der Wetterstation des Lehrstuhls für Umweltmeteorologie, der in den Gebäuden des ehemaligen Militärhospitals auf den früheren Cottbuser Flugplatzgelände untergebracht ist. FOTO: LR / Jürgen Scholz

Umweltmeteorologen der BTU Cottbus-Senftenberg wirkten bei einer bislang einzigartigen regionalen Klimaprognose mit. Was ist draus geworden?

Herr Dr. Keuler, Ihre Aufgabe war unter anderem, die Prognosen statistisch sattelfest zu machen. Jetzt können wir langsam ein Fazit für das Jahr 2018 ziehen – es war das wärmste Jahr seit 130 Jahren mit einer langen Trockenphase. Da können Sie sich doch jetzt auf die Schultern klopfen und sagen: Alles richtig gemacht! Oder?

Dr. Keuler Ein einzelnes Jahr gibt noch keine Statistik her. Die Aufgabe dieses Projektes war, langfristig zu schauen, in welche Richtung sich das Klima entwickelt. Also: Welche Ereignisse werden häufiger, welche Ereignisse oder Phänomene werden geringer auftreten in Zukunft als wir das heute gewohnt sind. Und da ist so ein Jahr wie dieses – ein recht extremes Jahr – eben nur ein Jahr. Entscheidend ist: Wie häufig wird so etwas in Zukunft vorkommen. Was wird sonst noch zu erwarten sein.

Wie wird beispielsweise das Klima in 40 Jahren in Südbrandenburg, in der Lausitz, sein?

Dr. Keuler Wie sich das Klima entwickelt, hängt entscheidend davon ab, wie sich die Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre entwickeln. Gelingt es uns, die Emissionen vor allem des CO2 und andere Treibhausgase einzudämmen? Oder emittieren wir sie mit den gleichen Wachstumsraten weiter, wie wir das bisher tun? Das ergibt weit auseinanderliegende Klimaentwicklungen.

Sie greifen dabei nicht nur auf ein Modell zurück, sondern auf mehrere. Wie viele insgesamt?

Dr. Keuler Wir haben in dieser Forschungsstudie 52 Simulationen ausgewertet. Das ist der größte Datensatz, der bis dahin zur Verfügung stand. Wir haben in einem Forschungskonsortium alle Simulationen, die verfügbar waren, zusammengetragen und sie um 28 eigene Simulationen ergänzt. Dann haben wir alle gemeinsam ausgewertet für zwei Szenarien: ein Klimaschutz-Szenario – wie wird sich das Klima entwickeln, wenn wir alles tun, um die Treibhausgas-Emission zu reduzieren? – und das „Weiter-wie-bisher“-Szenario – wie sich das Klima entwickelt, wenn wir weiter ungebremst CO2 und andere Treibhausgase emittieren.

Wie würde sich das Klima im besten Fall in der Lausitz entwickeln?

Dr. Keuler Im besten Falle könnten wir die Erwärmung auf ein bis zwei Grad begrenzen.

Und im schlechtesten Fall?

Dr. Keuler Im schlechtesten Falle müssen wir davon ausgehen, dass es noch um weitere vier bis fünf Grad wärmer werden könnte.

Was machen ein bis zwei Grad fürs Klima in der Region aus?

Dr. Keuler Ein Gefühl gibt dieses Jahr. Bis jetzt zumindest liegt die Jahresmitteltemperatur hier bei uns rund 2,4 Grad über dem, was sonst im langjährigen Mittel üblich ist. Das ist erst die Hälfte dessen, was uns im schlechtesten Fall am Ende dieses Jahrhunderts erwarten würde – als Mittelwert. Jetzt ist es ja noch ein einzelnes Jahr, was als besonders warm aus der Reihe tanzt. Aber in der Mitte dieses Jahrhunderts wäre das dann von der Temperatur her der Regelfall. Bis zum Ende des Jahrhunderts wird es dann vielleicht noch einmal um zwei Grad wärmer. Dann würde uns ein Jahr wie dieses eher außergewöhnlich kühl vorkommen.

Würden Sie dann noch hier leben wollen?

 Dr. Keuler Es gibt ja auch andere Regionen in der Welt, in denen es heiß ist. Man kann da durchaus noch leben. Aber man muss sich eben an diese veränderten Bedingungen anpassen.

Wie müsste man sich anpassen?

Dr. Keuler Die Wärmebelastung steigt natürlich. Wir werden uns dann daran gewöhnen müssen, dass wir viel mehr in klimatisierten Räumen leben. Aber auch für die Landwirtschaft und für die Forstwirtschaft hätte das in dieser Region einschneidende Auswirkungen, insbesondere wenn man darauf achtet, wie sich die Niederschläge entwickeln.

Die Prognosen gehen davon aus, dass sich die Niederschläge unterschiedlich entwickeln. Es wird mehr in den Wintermonaten regnen. Es wird weniger, und wenn dann mit Starkregen verbunden, in den Sommermonaten regnen. Es wird längere Phasen geben, in denen es trocken ist. Auch das erinnert ja schon relativ stark an dieses Jahr 2018, oder?

Dr. Keuler Ja. Es wird aber auch Jahre und Phasen geben, in denen wir mit sehr viel mehr Niederschlag rechnen müssen. Es wird auch intensive, länger anhaltende Niederschlagsperioden geben. Insgesamt wird sich der Niederschlag in dieser Region, übers ganze Jahr gesehen, nicht viel verändern, eher noch ein wenig zunehmen um ein paar Prozent. Aber es wird sich saisonal verschieben – ein bisschen weg aus dem Sommer, dafür gibt es mehr Niederschlag im Frühjahr und im Winter. Aber die Variabilität, der Wechsel zwischen recht trockenen Jahren und recht nassen Jahren, wird weiter auseinander laufen.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Landwirtschaft und Umweltschutz?

Dr. Keuler Für die Landwirtschaft bedeuten sehr trockene Jahre, wie jetzt im Sommer: Das Wasser fehlt auf den Feldern. Für die Forstwirtschaft: trockene Wälder. Wir haben das auch in diesem Jahr erlebt mit einer erhöhten Waldbrandgefahr und viel mehr Waldbränden, als das in den normalen Jahren üblich ist. Vermehrter Niederschlag heißt natürlich in den Frühjahren, dass die Felder nass, der Boden durchtränkt ist und es zunächst einmal schwerer wird, ihn zu bewirtschaften. Wenn die Niederschläge dann in heftigen, anhaltenden Niederschlagsepisoden fallen, werden gerade in flachen Regionen die landwirtschaftlichen Flächen auch unter Wasser stehen. Und das für Wochen.

Wenn wir auf die Waldbrände zurückkommen: Ein Waldbrandjahr wie 2018 wäre dann Mitte des Jahrhunderts ein Standardjahr?

Dr. Keuler Als Standardjahr würde ich es nicht bezeichnen. Aber es wird deutlich häufiger sein, als wir es bis jetzt gewohnt sind. Aber es wird eben auch Ereignisse geben, die im Sommer dann mit Hagel oder extremen Niederschlägen verbunden sind, die dann auch zu Ernteausfällen oder -einbußen führen können.

Aber diese Extremniederschläge, so wird im Fazit der Studie zusammengefasst, kann man noch nicht genau vorhersagen. Man brauche noch mehr Daten …

Dr. Keuler Wir sehen die Tendenz, dass es zunehmend extreme Einzelniederschläge gibt, aber auch lang anhaltende Niederschlagsepisoden, in denen es über viele Tage hinweg sehr viel Niederschlag gibt, wie wir es gerade zum Beispiel in Italien erleben, wo es eine Woche lang Dauerregen gab. Diese Tendenzen sehen wir in den Simulationen. Aber weil das eben nicht die durchschnittlichen Ereignisse, sondern Extremereignisse sind, die nicht so häufig vorkommen, reicht die Datenbasis noch nicht aus, um statistisch sicher sagen zu könne wie stark die Zunahme – oder die Abnahme – sein wird. Es lässt sich noch nicht genau quantifizieren, aber die Tendenz ist klar. 

Wie weit können Sie denn bereits das Modell herunterbrechen?

Dr. Keuler Die Auflösung dieser Modelle liegt im Bereich von zehn bis 20 Kilometern.

Wie engmaschig soll es sein?

Dr. Keuler Wir müssen, um einzelne Starkregenzellen und Gewitterzellen auflösen zu können, noch bis in den Kilometerbereich runter.

Wann werden Sie dazu in der Lage sein?

Dr. Keuler Da arbeiten wir schon dran, erste Studien dazu gibt es. Die Modelle werden gerade dafür vorbereitet und getestet. Das nächste große Forschungsprogramm mit noch höher aufgelösten Simulationen ist gerade in Vorbereitung.

Mit der BTU?

Dr. Keuler Ich hoffe, dass wir uns daran beteiligen können, ja.

Wovon wird das abhängen?

Dr. Keuler Wir sind noch vor der Antragsphase, die Ausschreibung des BMBF (anm.d.Red.: des Bundesforschungsministeriums) ist jetzt gerade raus, diese Woche ist in Bonn der erste Informationsworkshop dazu und die Konsortien formieren sich jetzt gerade, die sich mit ihren Anträgen an diesem Projekt beteiligen wollen. Wir haben vor, uns daran auch zu beteiligen mit eigenen neuen Simulationen, aber abgestimmt mit all unseren Kollegen, damit wir wieder ein großes Ensemble von Simulationen zusammen bekommen. Das zweite, was uns noch fehlt, sind verlässliche Vergleichs- und Referenzdaten aus Beobachtungen, damit wir die Güte unserer Modelle besser überprüfen können.

Woher könnten diese Daten kommen?

Dr. Keuler Da sind wir auf die europäischen Wetterdienste angewiesen, auf ihr Stationsnetz, das aber eine feststehende räumliche Auflösung hat. Da werden nicht mehr Stationen hinzukommen, vor allem keine, die schon lange Zeit gemessen haben. Es gibt aber auch Fernerkundungsdaten aus Satelliten- und Radarbeobachtungen und von anderen Gruppen, die ihre teils regional begrenzten Messnetze auswerten.

Das Klimaschutzszenario geht aber von was aus? Braunkohle nein? Oder Braunkohle ja?

Dr. Keuler Es geht davon aus, dass wir dazu kurzfristig und sehr massiv die Emissionen sämtlicher Treibhausgase eindämmen und zurückfahren müssen. Aus allen Sektoren. Und weltweit. Sodass wir bis 2070 im Prinzip keine zusätzliches CO2 mehr in die Atmosphäre pumpen, also die Nettoemission auf null zurückfahren.

Mit was rechnen Sie, wenn demnächst wieder über das Weltklima geredet wird und möglicherweise diese Ziele aufgeweicht werden?

Dr. Keuler Wenn diese Ziele aufgeweicht werden, wird man dieses Klimaschutzszenario nicht einhalten können. Wir werden dann in den Bereich hinein driften, der uns zwei bis fünf Grad höhere Temperaturen über die nächsten 80 Jahre bescheren wird – mit all den Erscheinungen, die wir in dem Weiter-wie-bisher-Szenario, also der bisher schlimmsten Annahme über den Treibhausgasausstieg, in den Simulationen ablesen können.

Malen Sie mal die Lausitz, wie sie 2100 aussehen könnte, bei vier bis fünf Grad Temperaturerhöhung …

Dr. Keuler (Pause) Wir haben dann Temperaturen wie jetzt am Mittelmeer; allerdings mit einer anderen Niederschlagsverteilung, als wir sie heute am Mittelmeer haben, sondern immer noch unsere Niederschlagsmengen, die aber übers Jahr anders verteilt sind. Das heißt, wir müssten in vielen Bereichen ein verstärktes Wassermanagement betreiben, um das Wasser in den Jahreszeiten zur Verfügung zu haben, in denen wir es zum Beispiel im landwirtschaftlichen Bereich und in besonders trockenen Jahren brauchen. Dazu müssen wir auch wissen, wie viel Wasserressourcen wir nutzen. Wir müssen uns auf mehr Unwetterkatastrophen einstellen. Mit denen kann man fertig werden, aber sie werden – wie auch jetzt schon in einzelnen Jahren – zu wirtschaftlichen Einbußen in vielen Bereichen führen, vor allem in Land- und Forstwirtschaft. Wir werden unsere Lebensumstände insgesamt etwas verändern, uns mehr in klimatisierten Räumen aufhalten. Aber das Leben wird weiter gehen. Es ist ja an uns, uns auf die entsprechenden Änderungen einzustellen und unsere Anbaumethoden so zu verändern, dass wir unabhängiger sind von solchen Naturereignissen. Vom Feld weg ins Gewächshaus …

Das wären Anbaumethoden, wie sie in Spanien schon üblich sind – Anbau unter Foliendächern und in riesigen Gewächshausanlagen?

Dr. Keuler Ja. Sie finden ja auch heute schon in Deutschland ganze Obstplantagen, die mit Hagelschutznetzen bedeckt sind, um die Ernte gegen Hagelschlag zu schützen. Gegen Trockenheit von oben kann man immer was tun, wenn man woanders noch genügend Wasser hat. Aber das wird die entscheidende Frage sein: Werden wir in der Region genügend Wasser von ausreichender Qualität zur Verfügung haben? Wie können wir es bereitstellen?

Welchen Einfluss haben wir auf die Wasserressourcen in der Lausitz?

Dr. Keuler Wir müssen dafür sorgen, dass das Grundwasser ordentlich nachgebildet wird. Dass der Niederschlag, der in Jahreszeiten mit einem Überangebot fällt, auch tatsächlich zur Grundwasserneubildung führt, sodass wir in den trockenen Jahreszeiten die entsprechenden Vorräte wieder herausholen können. Eine andere Möglichkeit sind natürlich Speicherseen, die wir hier nicht in Brandenburg, aber eben flussaufwärts haben. Deren Wasserkapazitäten, das zeigt dieses Jahr, reichen aber in sehr trockenen Jahren nicht mehr aus, um die Fließsystem über das ganze Jahr hinweg zu versorgen. Anderseits brauchen wir solche Speicher auch, um bei Starkniederschlägen die Abflüsse entsprechen zurückhalten, also regulieren zu können.

Also müsste bei Bauvorhaben für mehr Versickerungsmöglichkeiten gesorgt und es müssten mehr Speicher gebaut werden. Wie viel Vorlauf braucht man, um sich darauf einzustellen?

Dr. Keuler Das sind Planungen, denke ich, die über Jahrzehnte gehen. Letztendlich muss man jetzt mit den Planungen anfangen, sie zum Beispiel bei der Diskussion um den Strukturwandel für die Lausitz jetzt berücksichtigen. Denn viele Industriebereiche, die man möglicherweise ansiedeln will als Ersatz für den Bergbau, brauchen Wasser oder andere Ressourcen. Ein entsprechendes Projekt zur Planungsunterstützung für eine nachhaltige Regionalentwicklung haben wir vorgeschlagen, um den Strukturwandel langfristig wissenschaftlich zu begleiten.

Welchen Umfang hat das Projekt?

Dr. Keuler Wenn es so berücksichtigt wird, wie wir es vorgeschlagen haben, hat es ein Volumen von mehreren Millionen Euro.

Mit Dr. Klaus Keuler
sprach Jürgen Scholz

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